Mit der Zahnradbahn auf den Monte Generoso

Auf dem Monte Generoso hat die Migros ein neues Gipfel-Panorama-Restaurant von Architekt Mario Botta erbauen lassen

"Ein imposantes, unverwechselbares, geometrisches Gebäude im Kontrast und gerade deswegen im Dialog mit dem organischen Verlauf der hiesigen Landschaft". Mario Botta, Architekt der "Fiore di pietra".

von Gerhard Lob

Mario Botta hat auf der ganzen Welt gebaut. Doch eines seiner neuesten Werke, die mehrstöckige "Fiore di pietra" (Steinblume), steht an einem Ort, der für ihn eine sehr starke persönliche Bedeutung hat, dem Monte Generoso. Es ist sein Heimatberg über seinem Wohnort Mendrisio. "Diesen Berg habe ich in meiner Jugendzeit mit Freunden in abenteuerlichen Ausflügen in Sommernächten bestiegen, um in der Morgendämmerung auf dem Gipfel den spektakulären Sonnenaufgang zu erleben - von hier habe ich die Welt und den Kosmos entdeckt", sagt der mittlerweile 76-jährige Architekt. Das neue Gebäude erhebt sich wie ein Leuchtturm über fünf Stockwerke gleich neben der Bergstation der Monte-Generoso-Bahn. Das alte Hotel-Restaurant Vetta war im Oktober 2010 aus Sicherheitsgründen geschlossen worden, nachdem sich das Felsgebiet bewegt hatte und Risse in der Bausubstanz aufgetaucht waren. Die Migros als Eigentümerin von Zahnradbahn und Hotel-Restaurant überlegte sich damals sogar, den Betrieb ganz einzustellen. "Doch das Projekt von Mario Botta und der damit verbundene Relaunch haben uns überzeugt", meinte Fabrice Zumbrunnen, einstiger Präsident der Monte-Generoso-Bahn und inzwischen Chef der Migros-Genossenschaft anlässlich der Eröffnung im März 2017. Die Operation war aufwändig: Das Bergrestaurant aus den 1970er Jahren wurde abgebrochen und abgetragen und das Hochplateau danach mit Mikropfählen statisch gesichert. In nur zwei Jahren Bauzeit entstand dann die Steinblume, als "Endpunkt der Bahnlinie, die wie eine Nabelschnur von der Ebene auf dem Grat bergaufwärts verläuft", wie Botta sagt. Für den Materialtransport wurde eigens eine Seilbahn von Muggio auf den Generoso gebaut. Entstanden ist ein achteckiges Gebäude mit einzelnen "Blütenblättern", das unverwechselbar die Handschrift des bekannten Tessiner Architekten trägt. Auf Grund der Anordnung der einzelnen Bauelemente entsteht eine Gruppe von fünfgeschossigen Türmen, unten mit einer leichten Auskragung, die sich nach oben hin wieder schliesst. Das erklärt den Namen des Gebäudes als Steinblume. Das Tragwerk aus Stahlbeton ist mit grauem Naturstein verkleidet, abwechselnd mit horizontalen Streifen in glatter oder gespitzter Ausführung, die dem Bau Struktur verleihen. Der Naturstein stammt von einem Steinbruch in Lodrino (nahe Biasca) und wurde gewählt, weil der Farbton möglichst dem Kalksteingebirge auf dem Monte Generoso ähneln sollte.

Bei der Innenausstattung wurde vor allem Eichenholz verwendet. Im dritten Stockwerk befindet sich das Self-Service-Restaurant "Generoso" mitsamt Panoramaterrasse, einen Stock darüber ein eleganteres Restaurant mit Bedienung. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es nicht mehr - die Hotel- beziehungsweise -Herbergstradition ist definitiv beendet. Für Migros war die Investition gewaltig: Insgesamt 25 Millionen Franken flossen über das Kulturprozent in das Berggebäude, der Kanton Tessin gab einen Zustupf von 1 Million.

Lorenz Brügger über seinen Job als Direktor der Monte-Generoso-Bahn, die Steinblume von Mario Botta sowie die Herkunft der Gäste

Interview: Gerhard Lob

Herr Brügger, Sie sind seit gut neun Monaten Direktor der Ferrovia Monte Generoso. Wie wird man Direktor dieses Unternehmens?

Lorenz Brügger: Nach der Eröffnung der "Fiore di pietra" von Mario Botta zeichnete sich im Verlaufe des 2018 ein Wechsel in der Unternehmensleitung ab. Die Migros hat mich angefragt. Sie wussten, dass ich im Tessin lebe, mit einer Tessinerin verheiratet bin und ursprünglich im Tourismus tätig war. Ich habe keine Sekunde gezögert und sofort zugesagt.

Sie waren zuvor als Leiter der Migros-Medien in Zürich tätig. Das war ein radikaler Wechsel.

In der Tat. Aber er kam genau im richtigen Moment. Als ich 2018 nämlich 50 Jahre alt wurde, habe ich mir die Grundsatzfrage gestellt: Mache ich noch 10 Jahre Medien oder gibt es nicht noch eine neue Herausforderung?

Die Herausforderung kam mit der Monte-Generoso-Bahn. Kannten Sie die Bahn und den Berg gut?

Ich wohnte schon fast 18 Jahre im Tessin. Der Generoso war zwar mein Hausberg, aber komischerweise war ich nur sehr selten oben. Jetzt kenne ich ihn natürlich sehr gut.

Haben Sie Ihren Schritt je bereut?

Absolut nicht. Ganz im Gegenteil. Ich bin heute Eisenbahner, Gastwirt, Weinproduzent, Campingplatzbetreiber, Touristiker und Dienstleister. Eine schönere Aufgabe in dieser Bandbreite lässt sich kaum finden. Ich bin zwar Generalist, aber ich komme wie bereits erwähnt aus dem Tourismus, bin bei der Swissair gross geworden. So hat sich für mich in gewisser Weise ein Kreis geschlossen.

Seit gut zwei Jahren thront nun die eingangs erwähnte Steinblume von Architekt Mario Botta an der Bergstation. Wie hat das Publikum das neue Wahrzeichen angenommen?

Botta ist ein weltweit bekannter Architekt und stammt aus Mendrisio, aber es wird auch kritisch begutachtet, was er entwirft. Die Struktur auf dem Berg polarisiert, und gerade in der lokalen Bevölkerung spürt man Skepsis, obwohl viele nie oben waren. Nun haben wir sehr viele Events und Pakete zu attraktiven Preisen lanciert, um die einheimische Bevölkerung anzusprechen. Das hat funktioniert. Wir mussten sogar Zusatzzüge fahren. Und ich kann sagen: Alle, die oben waren, kamen begeistert zurück.

Woher kommen generell die Gäste?

70 bis 80 Prozent der Besucher stammen aus der deutschen Schweiz, Süddeutschland und Norditalien. Der Rest aus dem Tessin und Westschweiz. Interessant finde ich: Viele Einheimische kommen vor allem wegen des Naturschauspiels, die Deutschschweizer sind häufig an der Architektur interessiert.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, der 1941 die Bahn vor der Verschrottung rettete, soll gesagt haben, die Besucher sollen oben im Restaurant riesige Schnitzel erhalten. Servieren Sie diese Schnitzel immer noch?

(lacht). Nein, das ist heute nicht mehr der Fall. Aber diese Geschichte charakterisiert gut die Person von Gottlieb Duttweiler und insbesondere seinen Pragmatismus. Heute betreiben wir ein Self-service-Restaurant und ein höher positioniertes Restaurant - aber alles zu fairen Preisen im Geiste des Migros-Gründers.

Dank eines Konferenz-Raumes gibt es auch die Möglichkeit, Tagungen mit bis zu 100 Teilnehmenden zu veranstalten. Wird dieses Angebot genutzt?

Das steckt noch ziemlich in den Kinderschuhen. Das Angebot ist momentan vor allem für die Region von Interesse, da das Hotel- und Übernachtungsangebot für aus der Ferne angereiste Gäste im Mendrisiotto beschränkt ist.

Apropos: In der alten Struktur auf dem Monte Generoso gab es sehr einfache Unterkünfte für Personen, die dort oben übernachten wollten. Das gibt es nicht mehr. Ein Fehler?

Ursprünglich hatte man einige Zimmer geplant, aber dann aus Kostengründen darauf verzichtet. Denn der Betrieb einer Übernachtungsstruktur wäre problematisch gewesen. Es war ein strategischer Entscheid, sich auf einen reinen Restaurations-Betrieb zu konzentrieren.

Die Migros hat mit der Steinblume von Botta rund 25 Millionen Franken investiert, nun steht eine weitere Grossinvestition mit einem vollständigen Ersatz der Gleisanlage an. Wie wird dieser Ersatz vor sich gehen?

Wir fahren immer noch auf den ursprünglichen Gleisen. Sie haben 130 Jahre gehalten - das ist unglaublich. Die Betriebsbewilligung besitzen wir bis 2028, wollen aber schon vorher die Gleise auswechseln. Das wird vier Jahre dauern und rund 22 Millionen Franken verschlingen. Wir verkürzen die Saison jeweils um zwei Monate, statt Mitte Januar schliessen wir schon im Oktober, um schrittweise die 9,3 Kilometer Gleise und Zahnstangen zu ersetzen.

Wie lässt sich all das finanzieren?

Da muss man ehrlich sein. Nur dank des Migros-Kulturprozents. Man könnte jeden Zug von morgens bis abends voll besetzt haben - das würde für einen kostendeckenden Betrieb nicht ausreichen. Dies ist wirklich ein Geschenk an die Gesellschaft, den Tourismus und insbesondere das Mendrisiotto seitens der Migros. Gleichwohl müssen wir wirtschaftlich arbeiten, die Auslastung steigern und die Rentabilität fördern. Wir unternehmen grosse Anstrengungen, um dies zu erreichen. Daher haben wir auch die Kommunikation und das Marketing intensiviert.

Lob, Gerhard: Auf dem Monte Generoso hat die Migros ein neues Gipfel-Panorama-Restaurant von Architekt Mario Botta erbauen lassen, in: Tessiner Zeitung, 14.06.2019, S. 3/5.